Zu wenige Studien zum Thema in der Literaturarbeit?
Ursachen und mögliche Auswege

Arndt Regorz, Dipl. Kfm. & BSc. Psychologie, Stand: 24.01.2020


Ein gefürchtetes potentielles Problem bei Literaturarbeiten (Literature Review) als Bachelorarbeit ist, dass man am Ende nicht genügend viele Studien für das eigene Thema findet. Häufig ist prüferseitig eine Mindestzahl an Studien vorgegeben, z.B. 20 Studien. Was machen Sie jetzt, wenn Sie zu Ihrem Thema nicht so viele Studien finden können?

Dabei sind grundsätzlich zwei verschiedene Szenarien möglich:
1. Sie finden bereits vor Hypothesenfestlegung nicht genügend Studien, für die Sie Hypothesen zu Ihrem Thema aufstellen können.
2. Sie finden nach Hypothesenfestlegung nicht genügend Studien.

Aber zunächst sollten wir uns dieses Problem aus der Perspektive der Betreuung von Abschlussarbeiten betrachten.

Inhalt

  1. Themenstellung und Betreuung
  2. Kommunikation mit der Betreuung
  3. Zu wenig Studien vor Hypothesenfestlegung
  4. Zu wenig Studien nach Hypothesenfestlegung

1. Themenstellung und Betreuung

(Wie) Kann es überhaupt passieren, dass Ihnen von der Hochschule ein Thema für eine Abschlussarbeit gestellt wird, für welches die Anforderungen zur Anzahl aufzunehmender Studien selbst nach gründlicher Recherche gar nicht erfüllbar sind?

Dazu müssen wir uns den Arbeitsalltag wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwas ansehen. Den Großteil der laufenden Arbeit in einem Lehrgebiet machen nicht die Professorinnen und Professoren, sondern die wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese haben dabei eine Vielzahl an Aufgaben neben der Betreuung von Abschlussarbeiten. Und eigene Forschung sollen sie auch noch durchführen (Promotion, Habilitation). Dem steht ein recht begrenztes Zeitbudget gegenüber.

Gleichzeitig müssen jedes Semester zahlreiche Themen für Abschlussarbeiten gestellt werden. Das führt zu einem Problem: Gerade bei einer Literaturarbeit wird die Betreuung nicht die Zeit haben, ein Thema komplett selbst zu recherchieren. Sie können also in der Regel nicht davon ausgehen, dass Ihr Betreuer bereits eine vollständige Literaturreview im Kopf präsent hat. (Das kann zwar bei Themen aus dem engeren wissenschaftlichen Schwerpunkt der Mitarbeiterin bzw. des Mitarbeiters durchaus vorkommen, ist aber vermutlich nicht die Regel).

Ich vermute, dass es in der Praxis häufig eher so ablaufen wird, dass die Betreuung sich ein Thema überlegt, das interessant erscheint und wo sie/er sich vorstellen kann, dass Studierende dazu eine gute Literaturarbeit schreiben können. In der ganz überwiegenden Zahl der Arbeiten funktioniert das auch gut. Jedoch kann man manchmal Überraschungen dahingehend erleben, wie viel oder eben auch wie wenig bereits zu einem Thema publiziert worden ist. Im Regelfall ist gerade bei erfahrenen Betreuern in einem Lehrgebiet ein ganz gutes Gespür dafür da, wie ergiebig ein Thema ist. Aber man kann sich da auch täuschen, und auch zu interessanten und praktisch oder theoretisch relevanten Themen findet man plötzlich nur recht wenige Veröffentlichungen. Je kleinteiliger das Thema gestellt wird, desto größer ist das Risiko, dass so ein Fall eintritt. Das ist dann keine absichtliche Schikane, sondern einfach das Ergebnis der oben skizzierten Sachzwänge.

2. Kommunikation mit der Betreuung

Für die verschiedenen unten im Detail ausgeführten Szenarien, wie es zu einem Abschlussarbeitsthema mit zu wenig Studien kommen kann, gilt gleichermaßen, dass die Art der Kommunikation mit der Betreuerin bzw. dem Betreuer dafür entscheidend sein kann, ob und wie schnell Sie zu einer lösbaren Aufgabenstellung kommen.

Dafür ist es sinnvoll, sich etwas in die Betreuung hineinzuversetzen und so zu kommunizieren, dass sie/er dabei nicht das Gesicht verliert und möglichst wenig Zusatzaufwand hat. Ich würde mich dabei an den folgenden Punkten orientieren:

a) Nicht vorwurfsvoll

Mitunter hat ein Thema deshalb nur scheinbar zu wenige Studien, weil Betreuung und Studierende das Thema anders interpretieren. Ein solches Missverständnis lässt sich leicht klären, wenn niemand sich angegriffen fühlt und aus einer Abwehrposition heraus argumentiert.

Und wenn es wirklich zu wenige Studien zu Ihrem Thema gibt, wird die Prüferin bzw. der Prüfer das nicht absichtlich gemacht haben, wie Sie im vorherigen Abschnitt haben lesen können. Dennoch ist es auch für sie/ihn natürlich ein wenig peinlich, das einzugestehen. Machen Sie es ihr/ihm also so leicht wie möglich.

b) Mit Alternativvorschlag

Sie sollten möglichst mit einem (oder mehreren) konkreten Alternativvorschlag in ein Gespräch gehen. Denn ein Alternativvorschlag spart die Zeit der Betreuung (sie muss sich nicht selbst ein neues oder abgewandeltes Thema überlegen). Wenn sie ja sagt, ist ihr Problem erledigt, wenn sie hingegen nein sagt, muss sie sich damit auseinandersetzen, ob es wirklich nicht genug Studien gibt oder nicht.

c) Nicht zu früh

Betreuerinnen und Betreuer haben mit einiger Erfahrung vermutlich fast alles schon erlebt: also auch, dass Studierende einfach nicht genug recherchiert hatten oder nicht recherchieren konnten, und deshalb nicht genug Studien zu einem Thema gefunden haben, zu dem es prinzipiell durchaus genug Studien gab. Wenn Sie also sehr schnell zum Ergebnis kommen, dass es nicht genug Studien gibt, und sich an die Betreuung wenden, riskieren Sie vermutlich eher, eine negative Antwort („Recherchieren Sie bitte noch weiter“) auf Ihr Anliegen zu bekommen, als wenn sie schon eine gewisse Zeit zum Recherchieren hatten.

d) Nicht zu spät

Häufig gibt es in Prüfungsordnungen die Möglichkeit, ein Thema innerhalb einer gewissen Frist auch wieder zurück zu geben. Falls die Betreuung überhaupt nicht mit sich reden lässt und Sie dann vor dem Problem stehen, eine Arbeit unter Rahmenbedingungen schreiben zu müssen, die gar nicht erfüllbar sind, kann das durchaus eine Option sein. Aber dafür gibt es Fristen, und Sie sollten diese Fristen kennen und Probleme mit dem Thema so rechtzeitig mit der Betreuung klären, dass Sie noch rechtzeitig diese Reißleine ziehen können, wenn es denn gar nicht anders geht.

e) Sorgfältige Recherche verdeutlichen können

Aus dem gleichen Grund, aus dem Sie nicht extrem früh schon bei der Betreuung mit dem Argument „Zu wenige Studien“ kommen sollten, kann es auch hilfreich sein, eine sorgfältige Recherche zu verdeutlichen. Wenn Sie sich in einem Gespräch an den Betreuer wenden, sollten Sie zumindest auf Nachfrage genau anhand Ihrer Aufzeichnungen verdeutlichen können, welche Recherchestrategie (welche Datenbanken? welche Suchbegriffe?) Sie verwendet haben. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Betreuerin oder der Betreuer Ihr Problem auf eine mangelhafte Recherche Ihrerseits zurückführt.

f) Mündlich

Ich würde dazu raten, eine solche Anfrage lieber mündlich (Sprechstunde, Telefon u.ä.) als schriftlich zu stellen. Denn dann ist es für eine Betreuung in Zeitnot wesentlich schwieriger, erst einmal abzuwimmeln („Bitte suchen Sie noch einmal gründlich“), da Sie in so einem Fall direkt darlegen könnten, wie Sie schon recherchiert haben.

3. Zu wenig Studien vor Hypothesenfestlegung

Vor Hypothesenfestlegung gibt es vor allem drei Fälle, die zu zu wenig Studien führen können:

Fall 1: Absolut zu wenige Studien

Sie haben gründlich recherchiert, unter Einsatz aller im Studium gelernter Methoden der Literaturrecherche, und Sie finden absolut zu wenige Studien für Ihr Thema.

In diesem Fall ist es m.E. sinnvoll, sich mit einem konkreten Vorschlag für eine Erweiterung des Themas an die Prüferin bzw. den Prüfer zu wenden, unter Beachtung der oben unter Kommunikation mit der Betreuung genannten Punkte. Eine Erweiterung des Themas hat mehrere Vorteile, sowohl für Sie als auch für den Betreuer: Sie müssen nicht völlig neu recherchieren und sich in ein neues Thema eindenken. Und im Idealfall bleibt das offizielle Thema für das Prüfungsamt sogar bestehen, und es wird lediglich in gemeinsamer Absprache relativ weit ausgelegt (dann muss der Betreuer nämlich nicht bei Vorgesetzten und Prüfungsamt eingestehen, dass da etwas schiefgelaufen ist).

Also könnte die Anfrage an die Prüferin bzw. den Prüfer z.B. in folgendem Sinne verlaufen: „Ich finde bei enger Auslegung nicht die nötige Anzahl an Studien, nämlich nur X Studien. Wenn man das Thema aber weiter auslegt und auch noch XYZ mit einbezieht, dann komme ich auf die nötige Anzahl. Wären Sie mit dieser Auslegung einverstanden?“ Vorher sollten Sie aber diese Erweiterung soweit recherchiert haben, dass Sie sicher sind, dann genug Studien zu finden.

Es kann natürlich gut sein, dass Ihre Prüferin bzw. Ihr Prüfer die Erweiterung des Themas dann lieber in eine andere Richtung bevorzugt. Oder es stellt sich einfach als Missverständnis heraus und Ihre Prüferin bzw. Ihr Prüfer hatte das Thema anders verstanden als Sie. So oder so sollten Sie in den meisten Fällen nach dem Gespräch ein gangbares Thema vor sich haben.

Fall 2: Das zweiteilige Thema

Mitunter haben Journalartikel einen zweiteiligen Titel: Einen eher sachlich-nüchternen Teil und eine eher plastisch-lebendige Formulierung. Und einige Betreuer übernehmen diesen Stil dann auch für ihre Bachelorarbeitsthemen:

Beispiel: Die Persönlichkeit von Whistleblowern – Snowden, Manning & Co

Nun kann folgendes passieren: Zum Oberthema (im Beispiel der Persönlichkeit von Whistleblowern) finden Sie genug Studien. Aber anders als Snowden und Manning finden Sie ganz überwiegend nur Studien über Whistleblower im Wirtschaftsleben (z.B. bei Bilanzfälschungen, illegalen Kartellabsprachen), und nicht, wie bei Snowden und Manning, im politischen Bereich.

Damit stellt sich die Frage: Wie ist das Thema gemeint? Geht es allgemein um Whistleblower (erster Satz des Themas) und der zweite Satz ist nur schmückendes Beiwerk? Oder soll der zweite Satz anzeigen, dass das Thema auf Whistleblower im politischen Bereich eingegrenzt ist? Das kann man aus der schriftlichen Aufgabenstellung alleine nicht beurteilen.

Wenn Sie zur engeren Themeneingrenzung (inkl. hier des zweiten Satzes mit Bezug auf den politischen Kontext) nicht genug Studien finden, schon jedoch zur weiteren Themenstellung (Persönlichkeit von Whistleblowern allgemein, auch außerhalb des politischen Feldes), dann sollten Sie das mit Ihrem Betreuer klären.

Dabei würde ich allerdings nicht einfach eine offene Frage stellen („Soll ich die Persönlichkeit allgemein von Whistleblowern untersuchen oder, siehe Snowden und Manning, vor allem im politischen Kontext?“). Denn dann kann es leicht sein, dass der Betreuer spontan die Eingrenzung auf den politischen Raum wünscht, denn daran hat er ja vermutlich gedacht bei seiner Themenformulierung. Und dann nicht mehr so leicht von dieser Aussage wegkommt.

Stattdessen würde ich eher deutlich machen, dass nach einer sorgfältigen Literaturrecherche heraus gekommen ist, dass es für Whistleblower im politischen Raum nicht genug Studien zu deren Persönlichkeit gibt, zu Whistleblowern allgemein jedoch schon. Und ob das dann OK wäre, insoweit primär den ersten Satz des Themas als Rahmen zu nehmen. In den meisten Fällen wird dann wohl die Antwort sein „Ja, klar, der zweite Teil war nur zur Illustration“.

Fall 3: Kombination von Subgruppen

Ein Problem bei Literaturarbeiten ist häufig die „Forschungslücke“. Viele Prüfer möchten, dass wirklich etwas halbwegs neues untersucht wird. (Allgemeine Informationen zum Finden von Forschungslücken finden Sie hier: Checkliste "Forschungslücken finden" ).

Betrachten wir das am fiktiven Beispiel folgenden Themas:
Grausamkeit gegenüber Tieren und Persönlichkeit

Und nehmen wir dazu folgende, ebenfalls fiktive, Zahlen:
Zum Thema Grausamkeit gegenüber Hunde und Persönlichkeit wurden bereits 30 Studien veröffentlicht, aber leider auch im letzten Jahr eine aktuelle Meta-Analyse, so dass dort nur schwer eine Forschungslücke für eine Literaturarbeit begründet werden kann.
Zur Grausamkeit gegenüber Pferden, Katzen und Nutztieren (Landwirtschaft) und Persönlichkeit gibt es je Tiergruppe deutlich weniger als die geforderten 20 Studien:

Grafik Beispiele Studienanzahl


Der erste Weg ist jetzt, mehrere Gruppen so in einem Thema zusammenzufassen, dass man damit über die Grenze von z.B. 20 Studien kommt.

Beispiel:
Eingrenzung auf Grausamkeit gegenüber Großtieren (Pferde, landwirtschaftliche Nutztiere) mit zusammen 25 Studien

Der zweite Weg wäre, die Population, die bereits in einem aktuellen Review-Artikel oder einer aktuellen Metaanalyse berücksichtigt worden ist, einer anderen Gruppe gegenüberzustellen.

Beispiel:
Grausamkeit gegenüber Hunden im Vergleich zur Grausamkeit gegenüber Katzen.

Voraussetzung dafür ist, dass man im Beispiel eine halbwegs plausible Begründung finden kann, warum hier je nach Tiergruppe andere Ergebnisse zu erwarten wären. Wenn man das findet, hätte man die gewünschte Forschungslücke, sollte das jedoch möglichst mit der Betreuung abstimmen.

4. Zu wenig Studien nach Hypothesenfestlegung

Der unangenehmste Fall: Sie haben Hypothesen festgelegt, mit der Betreuung abgestimmt, und ggf. sogar eine Präregistrierung vorgenommen und stellen jetzt erst fest, dass Sie nicht genug Studien für die Beantwortung Ihrer Hypothesen finden? Das ist allerdings ein ernstes Problem.

Hier hilft nur noch, mit der Betreuung über eine Anpassung der Hypothesen zu sprechen. Dazu müssten Sie aber in der Regel deutlich machen, dass Sie wirklich hinsichtlich der Literaturrecherche alles getan haben, was Sie konnten, um genug Studien zu finden. Und ggf. auch, dass Sie ursprünglich schon genug Studien hatten, aber nach einer gründlichen Analyse der Studien einige ausgeschlossen werden mussten (wenn das so ist).

Auch hier gilt, dass Sie mit einem konkreten Änderungsvorschlag zum Thema in das Gespräch gehen sollten. Das heißt, dass Sie einen konkreten Vorschlag machen, wie man die Fragestellungen so ausweiten könnte, dass es genug Studien gibt. Selbstverständlich sollten Sie dann für diesen Vorschlag vorher durch eine gründliche Recherche sicherstellen, dass es dann genug Studien gibt, wenn der Betreuer den Vorschlag annimmt.


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